«Ich war ein Techno-Flüchtling»

Nikko Weidemann hat die Musik für die Serie «Babylon Berlin» komponiert. Jetzt erzählt er am Theater Spektakel von sich.

Seit einem Unfall ist die Augenklappe das Markenzeichen des Musikers.

Seit einem Unfall ist die Augenklappe das Markenzeichen des Musikers.

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Sie touren aktuell erfolgreich mit dem Moka Efti Orchestra, mit dem Sie die von Ihnen komponierten «Babylon Berlin»-Songs spielen. Haben Sie Angst, dass die Leute nun nur noch diese Musik von Ihnen hören wollen?
Nein, ich bin dankbar. Alles fügt sich am Ende, die Leute werden schon auf meine andere Musik aufmerksam werden. Für die dritte Staffel von «Babylon Berlin» habe ich die Musik schon geschrieben, aber der Club Moka Efti als Ort der Handlung macht Pause. Denn was uns für Staffel 1 und 2 gelungen ist, können und wollen wir nicht toppen.

In Zürich geben Sie nun mit «Ich seh’ Monster» ein biografisches Konzert. Wie kommt man auf eine solche Form?
Mein Weg ist vielleicht etwas seltsam. Aber das nimmt man in Kauf, wenn man sich entzieht, wie ich das oft gemacht habe. Es war zum Beispiel bestimmt nicht besonders klug, Berlin Mitte der 90er zu verlassen. Aber ich musste weg, ich war ein Techno-Flüchtling. Irgendwann merkte ich, dass ich viele Geschichten gesammelt hatte und ich diese erzählen wollte. Da dies aber weder in Liedern noch in Texten funktionierte, entstand gemeinsam mit dem Regisseur Tom Stromberg die Idee, die Geschichten mit der Musik zu verbinden, an die ich die Erinnerung knüpfe.

«Ich seh Monster» von Nikko Weidemann. Video: YouTube/Nikko Weidemann - Topic

Woran erinnern Sie sich denn jetzt auf der Bühne?
An meine Mutter, die seit meiner frühesten Kindheit Chopin auf dem Klavier spielt. An den Tod meines Vaters. An die profanen Texte von Udo Jürgens und die tiefen von Bob Dylan. An die Getriebenheit von Frank Zappa und wie sie mich beeinflusst hat. Monster sind für mich nicht nur negativ, sie sind auch schön; monströs ist für mich alles, was ich ausserhalb der Schule lernte.

Sie werden auch als «Human Jukebox» beschrieben, weil Sie so viele Lieder anderer Musiker interpretieren können.
Schon als Teenager war ich eine wandelnde Jukebox, ich spielte einfach gerne Stücke anderer nach. Mit 16 Jahren stellte ich mich an den Strassenrand und spielte – und als ich realisierte, dass ich damit Geld verdienen konnte, trampte ich durch Europa. Ich liebte einfach die Musik weit mehr als die Menschen, die sie machen.

Bezeichnen Sie sich deshalb als musikverliebter Musiker?
Ja, denn ich habe eine Art Hassliebe zu Musikern, die sich wie musikverliebte Schauspieler verhalten: Es gibt Figuren in der Pop­geschichte, die sich für die Musik nur so lange inte­ressieren, wie sie für sie eine Bühne ist. Der späte Elvis Presley oder Robbie Williams sind so Figuren. Für mich ist es deshalb das Schlimmste, in einem Robbie-Williams-Konzert zu sitzen. Mit diesem Sell-out der eigenen Seele habe ich einfach unglaublich Mühe.

So 18. / Mo 19.8. — 20 Uhr
Rote Fabrik
Seestr. 395
Eintritt 20 / 30 Franken
www.theaterspektakel.ch

Erstellt: 08.08.2019, 12:20 Uhr

Weitere Musik-Highlights am Theater Spektakel

Ab Do 15.8., Landiwiese

Get Well Soon
Mo 19.8., 21 Uhr, Seebühne
Seine neuste LP «The Horror» interpretiert der deutsche Singer-Songwriter mit einer 13-köpfigen Band.

Ebony Bones
Fr 23.8., 21 Uhr, Seebühne
Das dritte Album «Nephilim» der englischen DIY-Musikerin und Riot-Grrrl wurde von Trump und Brexit beeinflusst.

KOKOKO
Sa 24.8., 21 Uhr, Seebühne
Töpfe, Taschen, Veloräder: Die Afropop-Musiker fanden ihre Instrumente auf den Strassen des Kongo.

Cocorosie
Mi 28.8., 21 Uhr, Seebühne, nur noch Abendkasse
Seit 16 Jahren scheren sich die skurrilen Popschwestern weder
um Erwartungen noch um Trends.

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