«Neoklassik ist uns zu seicht»

Bei der Band Grandbrothers trifft Klassik auf Electro: Erol Sarp spielt Flügel, Lukas Vogel bearbeitet die Klänge vom Laptop aus.

Erol Sarp (links) und Lukas Vogel treten in Clubs und in Konzertsälen auf.

Erol Sarp (links) und Lukas Vogel treten in Clubs und in Konzertsälen auf.

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Kürzlich haben Sie ein Foto von sich und einem Polizisten in Prag gepostet. Was war los?
Erol Sarp: Wir hatten uns bei der Suche nach der Location verfahren und mussten kurz am Strassenrand anhalten, um uns zu orientieren. Dummerweise standen wird dabei auf einem Zebrastreifen, und der Polizist, der da zufällig vorbeikam, fand das gar nicht lustig. Nach langer Diskussion und nachdem er das angedrohte Bussgeld schon dreimal halbiert hatte, konnte uns zum Glück die Veranstalterin aus der Bredouille retten.

Für Ihre Musik präparieren Sie einen Flügel unter anderem mit Hämmerchen. Was bedeutet das auf der Tournee?
Lukas Vogel: Da wir nicht mit eigenem ­Flügel unterwegs sind, muss dieser immer vor Ort organisiert werden, und wir müssen die Apparatur jedes Mal wieder neu an den Flügel bauen. Dies geht aber inzwischen recht schnell. In den Anfangszeiten haben wir dafür Stunden gebraucht und hatten immer einen Lötkolben mit – falls etwas schiefgeht.

Sie haben Ton- und Bildtechnik in Düsseldorf studiert. War für Sie immer klar, dass Sie diese Art von Musik machen wollen?
Sarp: Während des Studiums hatten wir Zugriff auf sehr viele Flügel an der Hochschule und viel Zeit, uns einzuschliessen und zu musizieren.
Vogel: Es kam schnell die Idee auf, dass nicht nur Erol den Flügel spielt und ich das Gespielte digital verfremde, sondern wir beide aktiv am selben Flügel arbeiten. Um das zu erreichen, haben wir viel mit verschiedenen Präparationen experimentiert und sind so auf die Hämmer gekommen, die wir heute nutzen.

Letztes Jahr ist Ihr zweites Album «Open»erschienen. Es scheint experimenteller zu sein.
Sarp: Damit die Songs emotionaler und intensiver klingen, haben wir uns noch mehr mit den technischen Möglichkeiten auseinander­gesetzt. Wir arbeiten beispielsweise nicht mehr nur mit Hämmerchen, sondern lassen die Saiten des Flügels auch mit selbst gebauten Elementen automatisiert schwingen. So entsteht ein weicher Klang, der an eine Orgel erinnert.

Vor der Tour haben Sie gesagt, dass Sie mit den neuen Songs die Leute zum Tanzen bringen wollen. Klappt es?
Vogel: Die neuen Stücke haben auf jeden Fall etwas mehr Druck und animieren deshalb mehr zum Tanzen. Wir spielen oft in bestuhlten Sälen... Doch auch da stehen in den hinteren Reihen manchmal Zuhörer auf.
Sarp: Wir haben auch keine übertriebene Ehrfurcht vor klassischen Konzerträumen, weil wir uns selber gar nicht im klassischen Bereich sehen. Natürlich gibt es gewisse Elemente wie den Flügel, die aus dieser Welt kommen, aber guckt man sich die Struktur unserer Songs an, sind wir eher im elektronischen Bereich anzusiedeln.

Haben Sie nicht vom aktuellen Neuklassik-Boom profitiert? Pianisten wie Nils Frahm füllen ja mittlerweile Hallen.
Vogel: Doch, klar. Einige Musiker distanzieren sich vom Begriff Neoklassik, weil er negativ konnotiert ist. Auch mir gefallen einige Künstler, die als neoklassisch bezeichnet werden, nicht. Sie sind mir zu seicht. Natürlich gibt es aber wie über­all auch sehr gute Musik.

Auf dem Debüt heisst ein Song «Wuppertal», die Heimatstadt von Erol Sarp. Lukas Vogel, Sie sind Zürcher. Wann widmen Sie Zürich ein Lied?
Vogel: Noch ist keines angedacht. Aber fair wäre es, eigentlich. Unsere Titel haben aber eigentlich selten tiefere Bedeutungen.
Sarp: Wir arbeiten nicht mit fixen Themen oder Ideen. Die Lieder entstehen aus der Improvisation. Sie kriegen oft erst Namen, wenn das Album fertig ist – und diese auch meist intuitiv. Auch «Wuppertal» haben wir erst später so benannt.

Freitag, 23.00 Uhr, Moods

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.04.2018, 15:39 Uhr

Zur Band

Der Wuppertaler Erol Sarp und der Zürcher Lukas Vogel lernten sich während des Ton- und Bildtechnik-Studiums in Düsseldorf kennen. 2011 gründeten die beiden Grandbrothers und tüftelten an einem Sound zwischen Klassik und ­Electro. 2015 erschien das Debüt «Dilation». Mit «Open» (2017) tourt das Duo durch ganz Europa.

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