Die Zukunft gestern schon erfunden

Kraftwerk bringen den «Trans Europa Express» live nach Zürich. Was junge Chart-DJs von den Elektro-Übervätern lernen können.

Wir sind die Roboter, singen Kraftwerk: Die Band bei einem Live-Auftritt.

Wir sind die Roboter, singen Kraftwerk: Die Band bei einem Live-Auftritt. Bild: Boettcher

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Vor vierzig Jahren haben sie die Zukunft des Pop erfunden. Die Düsseldorfer beeinflussten Madonna, Daft Punk, Coldplay oder Kanye West. Kraftwerk elektrifizierten Hip-Hop, New Wave und Industrial. Und sie ebneten Techno den Weg. Ihre Bedeutung ist mit jedem Jahr grösser geworden. Denn so viel Dancemusic wie heute gabs noch nie. Junge Chartstars wie Robin Schulz oder Felix Jaehn produzieren wattierte Beats, die auf Kraftwerk zurückgehen.

Dazu programmieren die Häuser der Hochkultur immer mehr elektronische Formate. Ein Trend, den wohl das Moma in New York und die Tate Modern in London eingeleitet haben, als sie vor ein paar Jahren Kraftwerk ins Museum holten und dort spielen liessen.

«Wie sehr mich Kraftwerk
beeinflusst haben muss, kann ich nur unterschätzen. Ich finde, man merkt es immer.
Auch visuell.»
Florian Burkhardt alias Electroboy

Jetzt darf man sich im Innenhof des Landesmuseums die 3-D-Brille aufsetzen, wenn Kraftwerk ihr einflussreichstes Album «Trans Europa Express» aus dem Jahr 1977 in die Gegenwart beamen. Es kündigt sich als multimediale Megashow an. Am technologischen Puls der Zeit. ­Logisch: ein Gesamtkunstwerk.

Kraftwerk werden heute gefeiert. Das war nicht immer so. «Trans Europa Express» leerte in Europa anfänglich die Dancefloors. Aber in New York, dem Zentrum der Avantgarde, wurde die Maschinenmusik verstanden. Da staunten die Bandgründer Ralf Hütter und Florian Schneider vor Ort, wie ein schwarzer New Yorker DJ ihre Nummer mit zwei Plattenspielern verlängerte – in die schiere Endlosigkeit. Der Rest ist Geschichte: Africa Bambataa sampelte «Trans Europa Express» und schuf den Track «Planet Rock». So entstand mit deutscher Hilfe die Blaupause von Electro – richtungsweisend für Hip-Hop und Techno.

«Im Alter von sieben Jahren habe ich mit «Radioaktivität» zu scratchen versucht – die Platte und der Plattenspieler waren danach kaputt.»Nathalie Brunner alias Playlove, DJ

Im Titelstück «Trans Europa Express» rattert der Zug rhythmisch mit, beim nächsten Song «Metall auf Metall» geht es im gleichen Takt weiter. Kraftwerk huldigten der Mobilität, mal maschinen-, mal menschgetrieben: Das Album «Autobahn» hatten sie 1974 abgeliefert, mit «Tour de France» profilierten sie sich als Veloliebhaber.

Es ist eines der einflussreichsten Alben der Musikgeschichte: «Trans Europa Express» von Kraftwerk. Quelle: YouTube/Megaherz Kraftwerkiano

«Trans Europa Express» erschien dreisprachig, auf Deutsch, Französisch und Englisch. Kraftwerk – die kosmopolitischen Musikarbeiter – schufen mit dem Stück eine Art Champagner-Internationale des Pop. Sie sausten im TEE-Zug «vom Rendez-vous auf den Champs-Elysées» nach Wien, um in Düsseldorf endlich David ­Bowie und Iggy Pop zu treffen. Die Künstler haben sich gegenseitig verehrt.

«Auf ZDF lief früher eine Sendung, die mich wenig interessiert hat. Aber der Titelsong! Ich habe immer ungeduldig drauf gewartet, bis dieser Tune kam. Erst viel später habe ich realisiert, dass das «Ruckzuck» von Kraftwerk war.»Pablo Color, DJ

Auf dem geschichtsträchtigen Album ist noch eine weitere Facette der Band zu entdecken: eine romantisch anmutende Zerbrechlichkeit. Das Eröffnungsstück «Europa Endlos» wirkt wie schwerelose Kammermusik. Und mit dem Song «Franz Schubert» schöpften sie musikalisches Erbe ab, um es in eine chromblitzende Gegenwart zu transportieren. So verfolgt man bei einem Kraftwerk-Konzert eine Zukunft, die die Vergangenheit ausgeheckt hat. Die Frage muss darum erlaubt sein: Ist das noch relevant? Ralf Hütter, das letzte verbleibende Gründungsmitglied, ist mittlerweile 72 Jahre alt. Und die für Kraftwerk so typisch verfremdeten Stimmen, die Vocoder-Effekte, klingen ältlich, ja, so manche ihrer Klangschöpfungen.

«Kraftwerk habe ich lange die kalte Schulter gezeigt. Als ich mich irgendwann doch mit ihnen auseinandersetzte, war ich verblüfft, wie stark meine Plattensammlung von ihnen geprägt ist.»Piet Møbler, DJ

Vielen reicht heute ja auch die One-Man-Show der Hitparaden-DJs. Robin Schulz und Freunde werden diesen Sommer auf Ibiza die Masse bespassen – mit Wumms, Pyro-Technik und Konfetti-Kanone. Ihre Bühnenshows sind kommerzielle Mutationen der Tanzmusik – und haben einmal mehr ihren Ausgangspunkt bei den Robotern aus Düsseldorf. Denn Kraftwerk sind immer auch Kraftwerk, weil sie aus dem akustischen stets ein visuelles Spektakel machen.

«Wir verkleideten uns bei einem Saalschutz-Gig in der Toni-Molkerei als Roboter. Nur sahen wir viel uneleganter aus als Kraftwerk.»Rolf Saxer, Ex-Saalschutz, MTDF

Im Gegensatz zu den jungen Chartstürmern operieren Kraftwerk mit einer in der elekronischen Tanzmusik leider etwas vernachlässigten Tugend: der Selbstironie. Auf dem Cover des Albums erschien die Band weichgezeichnet, milde lächelnd, in nostalgischen 40er-Jahre-Sepia-Tönen. Und im Video zu «Schaufensterpuppen» befreiten sie sich aus der Puppenstarre, um als Menschen loszutanzen. Wie sagte doch Derrick May, Technopionier, über Kraftwerk: «Sie waren so steif. Und so funky!»

«Das Mischpult in meinem alten Studio in der Roten Fabrik war vom selben Techniker gebaut, der auch die Geräte für Kraftwerk entwickelt hat. Und in der Presse machte damals die Runde, Kraftwerk hätten sich von Yello inspirieren lassen. Was für ein Kompliment!»Carlos Perón, Ur-Yello-Mitglied

In der heutigen Zeit, in der Musikmachen mit einfach zu bedienenden Computerprogrammen demokratisiert worden ist, also alle ihre Beats selbst basteln können, sind Kraftwerk mit ihren anfänglich in Eigenregie zusammengeschraubten Musikinstrumenten mehr denn je aus der Zeit gefallen. Während die Jungen überschwenglich den alten Rockstar-Mythos leben, hebeln Kraftwerk diesen aus: anonym statt omnipräsent, androgyn statt sexy.

Was wird von Kraftwerk bleiben? Dieser Band, die Basis von so vielem ist? Vielleicht dies: dass zwischen Nullen und Einsen Intimität ­möglich ist.

Sa — 21 Uhr
Landesmuseum
Ausverkauft
www.unique-moments.ch

Erstellt: 09.06.2018, 15:37 Uhr

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