Zum Hauptinhalt springen

«Und dann kamen die Drogen ins Spiel»

Die ewige Boygroup katapultiert uns in die Neunziger zurück. Ein Gespräch über 30 Jahre Bandgeschichte.

Take That sind zurück: Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow (v.l.)
Take That sind zurück: Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow (v.l.)
zvg

Hotel «The Langham», London, unweit des Oxford Circus. Es trudelt einer nach dem anderen ein: Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow, alle jetzt um die fünfzig. Das Trio war mal ein Quintett und kann auf Hits wie «Back for Good», «Never Forget» oder «Greatest Day» zurückschauen. Anlass des Treffens ist das Best-of-Album «Odyssey» zum 30-Jahr-Jubiläum von Take That und die grosse Tournee, die sie jetzt ins Hallenstadion führt.

Was sind die schönsten Erinnerungen an die Anfangsjahre von Take That?

Howard Donald: Komischerweise denke ich als Erstes immer an unseren alten VW-Bus, mit dem wir zu den ersten Konzerten fuhren. Der Wagen war gemietet, Gary hatte die Lautsprecher und Mikrofone besorgt, wir stopften das Zeug hinten in den Bus und quetschten uns irgendwie mit rein. So fuhren wir übers Land. Immer schliefen wir ein, irgendwie war dieser Kleinbus schrecklich gemütlich.Mark Owen: Robbie und ich sassen hinten, wir durften nicht fahren, wir waren noch zu jung.Gary Barlow: Und Jason, Howard und ich teilten uns die Fahrerei. Ich fand das auch klasse, alles war so unkompliziert, so unschuldig.

«Wir waren ein strikter Jungsclub. Mit einer Ausnahme.»

Gary Barlow

Donald: Wir waren auf diesen Fahrten oft high, aber nicht von irgendwelchen Substanzen, sondern euphorisch von den Konzerten. Dann sassen wir da und kicherten die ganze Zeit miteinander, fünf Jungs, die nicht wussten, was passieren würde, auf grosser Abenteuerfahrt.Barlow: Wir haben uns damals sehr viel über das Leben unterhalten. Wir waren uns da wirklich sehr nahe, es gab noch keine Kom­plikationen, es war die pure Freude an dem, was wir taten.Owen: Und dann kamen die Drogen ins Spiel. (alle lachen)Barlow: Zu der Zeit träumten wir nur von dem, was vielleicht passieren könnte. Aber wir waren noch keine Stars oder so was. Das war eine sehr reine Zeit, wir hofften und wir trauten uns aber auch zu träumen. Es ist schwer, nicht zurückzublicken, wenn wir uns jetzt dieses Album betrachten. 30 Jahre unserer Musik auf einer CD!

Waren im Bus auch Groupies unterwegs?

Barlow: Wir waren ein strikter Jungsclub. Mit einer Ausnahme: Die Assistentin unseres Managers musste unser Geschwätz über Fussball und Bier anhören.

Für die Freundinnen war es wahrscheinlich schwierig, mitzuerleben, wie Sie zu Popstars wurden?

Barlow: Ja, das hat auch nicht mehr lange gehalten. Wir waren 18, 19. Wenn du um die Welt reist und überall Geschrei auslöst, dann wird es hart, richtig hart.Donald: Wir wussten ja selbst nicht, was uns erwarten würde. Und die Freundinnen erst recht nicht. Wir hatten keine Ahnung davon, was es heisst, ein Star zu sein. Das ist der Unterschied zu heute: Als ich Katie, meine Frau, kennen lernte, wusste sie genau, auf was für ein Leben sie sich da mit mir einlässt.Owen: Es ist bis heute nicht einfach für unsere Frauen. Wir sind oft unterwegs, gestresst, angespannt. Es gibt sicher Unkomplizierteres, als mit einem Popmusiker verheiratet zu sein. Wir versuchen, präsent zu sein, wenn wir daheim sind. Ich spreche für uns drei, wenn ich sage: Danke, Frauen, dass ihr es mit uns aushaltet.

«Wie sind wir Dorfjungs hier bloss hingeraten?»

Mark Owen

Wie ist es, so jung berühmt zu sein?

Owen: Wir sind staunend durch die Welt gereist, standen plötzlich am Times Square in New York und dachten: «Wie sind wir Dorfjungs hier bloss hingeraten?» Oder die «MTV Awards» am Brandenburger Tor 1994 – wir sassen neben Prince und George Michael. Ich war wahnsinnig aufgeregt an dem Abend und weiss noch, wie erpicht ich darauf war, ein gemeinsames Foto mit Jon Bon Jovi zu bekommen.

Haben Sie das Foto noch?

Owen: Selbstverständlich!

Ist man in so einer Situation überhaupt an einer festen Beziehung interessiert?

Barlow: Ich weiss noch, wie ich 1995 meine Frau traf und merkte, dass ich sie mag. Dawn war Tänzerin bei uns, ich war 24, Take That waren auf dem absoluten Gipfel, aber weisst du was: Ich war einsam, extrem einsam. Das war einer der Gründe, warum ich mich gleich zu ihr hingezogen fühlte und auch nicht lange fackelte, etwas mit ihr anzufangen – bevor ich mich dann kolossal in sie verliebte.

Was ist heute besser?

Barlow: Wir haben Familien. Dawn und ich sind seit 23 Jahren zusammen, wir haben drei Kinder. Heute sagen wir den 60 000 Leuten im Wembley-Stadion gute Nacht und fahren nach Hause, sehen unsere wundervollen Kinder und kuscheln uns zusammen. Bedeutsame Dinge sind der Schlüssel. In den Neunzigern gab es nichts Bedeutsames, sondern fast nur Oberflächliches.

«Ich vermisse es, jung zu sein.»

Howard Donald

Und was würden Sie gern noch einmal erleben?

Owen: Alles. (lacht) Deshalb sind wir ja hier und erinnern uns mit so viel Freude.Donald: Ich vermisse es, jung zu sein.Barlow: Es ist ein Klischee. Aber leider wahr: Die Jugend wird an junge Leute verschwendet. Als ich 20 war, dachte ich nicht «Geil, du bist jung». Da war das selbstverständlich. Wenn du jung bist, bist du einfach jung.

Howard Donald, Sie sind dieses Jahr 50 geworden. Wie kommen Sie damit zurecht?

Donald: Passt schon. Ich bin der Älteste, aber ich habe von uns dreien mit Abstand die jüngsten Kinder – zweieinhalb und ein Jahr alt. Die beiden geben mir das Gefühl, 60 zu sein, weil es beim Krabbeln echt schon zwickt, aber im Herzen und im Kopf bin ich ein junger Kerl.Barlow: Du hast deshalb kein Problem, weil du nicht aussiehst wie ein 50-Jähriger.

Sie sehen alle jünger aus. Muss man das, wenn man in der Öffentlichkeit steht?

Barlow:Wir schauen alle darauf, dass es uns gut geht. Man muss schon auf sich achten, vor allem seit unserer Rückkehr 2006, nach zehnjähriger Pause, sind wir nicht mehr die Jungs, denen der Körper alles verzeiht. Wir versuchen schon, gesünder zu leben und auch gesund zu essen. Als ältere Herren mit einer anstrengenden Bühnenshow müssen wir konditionell einiges draufhaben und zwei Stunden durchhalten. Also sehen wir zu, dass die Körper in Schuss bleiben.

Howard Donald, Sie haben vier Kinder von drei Frauen, Mark Owen und Gary Barlow haben jeweils drei Kinder. Insgesamt sind das zehn.

Donald: Irgendwo beneide ich Mark und Gary ein kleines bisschen, dass sie keine Kleinkinder mehr zu Hause haben, mein Gott, was für ein Stress. Meine zweitjüngste Tochter ist 13, ihre Mutter ist aus Deutschland, ein tolles Mädchen. Aber über zehn Jahre Kinderpause, da vergisst man einiges, zum Beispiel, wie sehr die Kinder deinem Schlaf im Wege stehen. Und obwohl es eine grossartige Sache ist, das alles noch einmal zu erleben, ist es verdammt hart. Manchmal vermisse ich die Freiheit, die du hast, wenn deine Kinder älter werden.

Was fangen Sie mit dieser Freiheit an?

Barlow:Wir haben unsere Ehe zurück. Dawn und ich sind wieder wie Teenager. Owen (singt und hält sich die Ohren zu): Ich will das gar nicht hören.

Ihre Kinder sind 18, 16 und 9 Jahre alt. Verstehen sich die Teenager mit ihren Eltern?

Barlow: In der Hinsicht haben wir echt Glück. Die machen total gerne Sachen mit uns. Wir kennen das von Freunden, da gibt es Kinder, die wollen mit ihren Eltern so wenig wie möglich zu tun haben. Das Best-of-Album heisst «Odyssey», es erzählt von einer grossen Reise, wie sie die griechischen Helden in der Sage gemacht haben.Owen: Ein paar Zyklopen sind uns auch begegnet auf unserer 30-jährigen Reise. Ansonsten: Triumphe, Dramen, Hochs und Tiefs, Aufs und Abs, ab und zu drohte mal jemand abzusaufen, dann mussten wir den wieder aus dem Wasser holen und wiederbeleben. Zu anderen Zeiten segelte das Schiff von ganz allein, während wir entspannt in der Hängematte lagen.Barlow: Mir tut jeder Mensch leid, der ein Leben ohne Höhe- und Tiefpunkte lebt. Denn Glücksmomente und Schicksalsschläge machen ein Leben letztlich aus. Was ist mit den übrigen beiden Crewmitgliedern Robbie Williams und Jason Orange? Rob scheint ja in die Band ein- und auszusteigen, wie er will.Owen: Rob hat sein kleines schnelles Beiboot, in dem er manchmal durch die Gischt spritzt. Hin und wieder kommt er zurück zu uns, und wenn ihm auf seinem Boot das Essen ausgeht, dann füttern wir ihn. Jay ist wahrscheinlich irgendwo jenseits des Atlantiks und beobachtet auf seinem Boot ganz gemütlich ein paar Wale.

«Wir haben festgestellt, dass Rob erst 2022 wieder Zeit hat, etwas mit Take That zu machen.»

Gary Barlow

Ist Jason Orange glücklich mit seinem Leben abseits des Rampenlichts?

Donald: Ja. Jason sendet von dort, wo er ist, keine Signale, wieder bei uns mitmachen zu wollen. Ab und zu schickt er eine Postkarte, meist mit Pinguinen drauf.

Sie treten gelegentlich zusammen mit Robbie Williams auf, er ist eine Art assoziiertes Mitglied. Aber gab es nicht die Überlegung, ob er die Greatest-Hits-Tour mitspielt?

Barlow: Nein, wir haben vor ein paar Jahren darüber gesprochen, unsere Planungen für die nächsten Jahre verglichen und festgestellt, dass Rob erst 2022 wieder Zeit hat, etwas mit Take That zu machen. Und Jason Orange hat unsere E-Mails erst gar nicht beantwortet.

Gary Barlow, Sie haben gesagt, nach der Tour endet das zweite Kapitel von Take That. Nach dem Ende des ersten Kapitels 1996 haben Sie zehn Jahre lang nichts zusammen gemacht. Was kommt jetzt?

Barlow: Wir sind in der glücklichen Lage, auf die Frage «Was kommt als Nächstes?» keine Antwort haben zu müssen.

So 30.6. — 19 Uhr Hallenstadion Wallisellenstr. 45 Eintritt ab 72 Frankenwww.hallenstadion.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch