«Wir schufen einen Fluchtraum»

Zwei Leben im Zeichen des Heavy Metal. Martin Stricker ist Musiker, Erich Keller Wissenschafter und Fan.

«Metal ist Welt mit eigenen Codes und Formen, die losgelöst von der Realität funktioniert», sagt Martin Stricker.

«Metal ist Welt mit eigenen Codes und Formen, die losgelöst von der Realität funktioniert», sagt Martin Stricker.

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Ihr beschäftigt euch schon seit mehr als 30 Jahren mit Heavy Metal. Als Musiker oder auch als Wissenschaftler. Womit ist eine junge Person ­konfrontiert, die heute Metal macht?
Martin Stricker: Die Vorzeichen sind heute komplett andere. Als wir Anfang der 80er damit begannen, Metal zu spielen, konnte man die Genres noch formen und ausformulieren. Es war ein weites Feld. Heavy Metal ist heute wie die katholische Kirche. Es gibt zahlreiche Regeln, denen man sich fügen muss, der Spielraum, eigene aufzustellen, ist dagegen geschrumpft.

Also fehlt heute die Innovation?
M.S.: Ganz und gar nicht. Metal hat sich in den Jahren in alle möglichen Richtungen aus­differenziert.
Erich Keller: Was aber stimmt: In den 80ern haben sich viele, heute noch präsente stilistische Eigenheiten bereits herausgebildet. Der Sound wurde schneller, der verzerrte Bass setzte sich durch, dieses tiefe Gegrunze kam auf.

Martin Stricker, Sie standen mit Ihrer Band Celtic Frost ganz am Anfang dieses ?stilprägenden Gesangs. Wie kam es dazu?
Wir liessen uns von allem Möglichen inspirieren: von Filmen, Literatur oder Comics. Das Gegrunze kam auch aus Horrorfilmen wie «Der Exorzist» oder «Evil Dead», beides wichtige Referenzpunkte für uns. Wir sagten uns: Wenn du wirklich böse klingen willst, solltest du nicht singen wie die Wiener Sängerknaben.

Wie konnte es geschehen, dass mit Celtic Frost genau eine Zürcher Band ?weltweit stilbildend wurde?
M.S.: Ein Grund dafür war, dass wir uns als Band innerhalb einer globalen Bewegung verorteten und nicht spezifisch in Zürich.
E.K.: Heavy Metal war auf dem Land zwar verbreiteter als in der Stadt. Das Volkshaus aber war damals der wichtigste Schweizer Veranstaltungsort für Rockmusik: Black Sabbath, AC/DC, Judas Priest, Metallica, Motörhead, Slayer... alle haben dort gespielt. Zürich war in der seltsamen Situation, dass es mit dem Volkshaus ein Mekka, aber selber keine Szene hatte.

Im Gegensatz zu der starken linken Jugendbewegung von damals war der Metal unpolitisch. Ein Theater, sagen manche.
E.K.: Darüber, wie emanzipatorisch das Potenzial der extremen Linken tatsächlich war, lässt sich streiten. Beim Metal ging es darum, unter den Vorzeichen eines gewaltigen gesellschaftlichen Gegendrucks eine eigene Kunstform zu etablieren. Das ist per se ein politischer Akt für mich. Man schuf einen Fluchtraum. Und der war gefüllt mit lauter Musik.
M.S.: Neben der Selbstermächtigung ging es mir auch darum, mich vom gesellschaftlichen Diktat nach Ruhe und Ordnung abzugrenzen. Die damals bereits wieder abflachende Punkbewegung war für uns zudem politisch verseucht. Politische Korrektheit im Überformat. Die Rote Fabrik sahen wir als bigotten, abgeschotteten Bereich, in dem man nicht frei arbeiten konnte. Wir suchten eigene Formen und nach Wegen, diese auch durchzusetzen.

Andere Erklärungsansätze?
M.S.: Ich vergleiche die Heavy-Metal-Welt gerne mit volkstümlicher Musik oder mit Country. Eine Welt mit eigenen Codes und Formen, die losgelöst von der Realität funktioniert. Nur dass beim Metal Dämonen oder fantastische Gestalten im Vordergrund stehen. Eine Band wie Manowar spielt mit Archetypen und funktioniert wohl auch noch in weiter Zukunft.
E.K.: Dazu kommt: Das Outsider-Image im Metal bezieht sich ja weniger aufs Politische. Es ging mehr um Individuen. Um den pickligen Teenager, vielleicht, um die etwas zu kurz Gekommenen, die Schrägen, heute würde man sagen, die Nerds.

Ist Heavy Metal nun eigentlich total humorlos oder völlig durchdrungen von Komik?
E.K.: Das ist ein interessanter Punkt. Seit einigen Jahren gibt es Bands, die einen ironischen Zugang zum Metal zeigen. Es gibt auch Bands, die stilistische Eigenheiten persiflieren. Das ist neu. Den postmodern-ironischen Zugang zu den Bildern und den Codes gab es damals noch nicht. Wir nahmen das noch sehr ernst.

Nochmals zur eingangs gestellten Frage: Was bedeutet Metal 2017?
E.K.: Vielleicht ein letztes Beispiel dazu: Letztes Jahr spielte eine Metal-Band aus Botswana in Zürich. Ich war an dem Konzert, Death-Metal. Es war für mich wie ein spätes Echo aus einer Zeit, die vor mehr als 30 Jahren angefangen hatte und die wir mitgestalten durften. Doch wie komplex die Sache ist, wurde mir klar, als ich nach dem Konzert erfahren habe, dass zwei aus der Band Polizisten sind. Globalisierung bedeutet eben nicht nur eine weltweite Verbreitung, sondern auch, dass Metal vor total veränderten sozialen und politischen Umständen stattfindet.

FESTIVAL «MEH SUFF!»
Das Metal-Festival «Meh Suff!» findet seit zehn Jahren jeweils im Sommer in Hüttikon im Kanton Zürich statt. Seit 2012 gibt es zusätzlich eine Winterausgabe im Dynamo in Zürich. Auf dem Programm stehen sowohl nationale wie auch internationale Bands. www.mehsuff.ch

Drei Festival-Highlights

Grave
Freitag, 23 Uhr. Sie gehören zu den sogenannten Big Four des schwedischen Death-Metal. Bereits seit 1988 existiert die Band aus dem beschaulichen Ort Visby auf Gotland.

Virvum
Samastag, 16.50 Uhr. Eine von zwei Schweizer Bands am Festival. Virvum aus Zürich gehören zu den aufstrebenden Newcomern in der Szene. Ihre Musik ist atemberaubend schnell und wird auch als Death-Tech umschrieben.

Finntroll
Samastag, 23.15­ Uhr. Folk-Metal aus Helsinki mit Kultstatus. In ihren Texten behandelt die 1997 gegründete Band hauptsächlich Legenden und Märchen rund um den fiktiven Trollkönig Rivfader.

Erstellt: 12.01.2017, 12:10 Uhr

*Martin Stricker, 49, Gastronom und Gründungsmitglied der Zürcher Metal-Band Celtic Frost. Später Teil der wöchentlichen Rockshow «Karaoke from Hell».

*Erich Keller, 48, Historiker, Gründer von Swiss Music Archives. Heavy-Metal-Fan und Sammler seit den frühen 80er-Jahren.

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