Zuerst beobachtete er sie nur ...

Krimi der Woche: Im Psychothriller «Graveyard Love» lebt ein Voyeur seine Obsessionen aus – gruselig, gewalttätig, düster.

Scott Adlerberg wuchs in der Bronx auf, lebte zwischenzeitlich in der Karibik und wohnt heute in Brooklyn. Foto: PD

Scott Adlerberg wuchs in der Bronx auf, lebte zwischenzeitlich in der Karibik und wohnt heute in Brooklyn. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Am Sonntag ging ich, obwohl ich nüchtern war, auf den Friedhof.

Das Buch
Am Anfang kommt Kurt Morgan eigentlich ziemlich normal rüber. Der 35-jährige erfolglose Schriftsteller ist aus New York zurück zu seiner Mutter in eine Kleinstadt im Norden gezogen, nachdem er seinen Job als Journalist verloren hat. Hier muss er keine Miete bezahlen, dafür hilft er seiner Mutter, ihre Memoiren zu schreiben.

Kurt ist der Icherzähler im Roman «Graveyard Love» des New Yorker Autors Scott Adlerberg. Mit logischen Argumenten präsentiert die Hauptfigur sich den Lesern erst als vernünftiger Typ. Doch zunehmend erinnert er an den einen oder anderen Protagonisten in den Werken der Noir-Legende Jim Thompson («The Killer Inside Me») – wie diese lullt Kurt uns ein bisschen ein. Und wir findet sein Handeln noch nachvollziehbar, wenn es schon nicht mehr normal ist.

Wie ihr Sohn ihr Leben darstellt, passt der Mutter oft nicht. Sie ist sehr kritisch, und sie drängt Kurt zum Vorwärtsmachen. Der hat oft Mühe mit den Geschichten seiner Mutter, etwa wenn es um ihre frühen sexuellen Erlebnisse geht. Mit Spaziergängen auf dem Friedhof gleich gegenüber dem Haus seiner Mutter lenkt er sich ab. Da ist ihm eine rothaarige Frau aufgefallen, die regelmässig eine Gruft besucht. Die Frau fasziniert ihn, er beginnt sich vorzustellen, wie es wäre, sie kennenzulernen.

Eine frühere Liebesgeschichte hat offenbar ein ungutes Ende genommen. Kurt kauft sich ein Teleskop, um die Rothaarige aus seinem Zimmer bei ihren Friedhofsbesuchen beobachten zu können. Er beginnt ihr nachzustellen. Und er lernt Catherine schliesslich kennen.

«Ich hoffte, Catherine vermitteln zu können, wie sehr ich wollte, dass sie sich gut behandelt fühlte, während sie den Knebel im Mund hatte.»

Es ergibt sich ein bizarres Dreieck aus den Personen – ein schwacher Mann; seine Mutter, die ihn unter der Knute hat; die mysteriöse Fremde –, die alle von ihren eigenen Obsessionen besessen sind. Das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter erinnert ein wenig an Norman Bates in «Psycho». Trotz des munteren Tons, mit dem der Icherzähler heimtückisch über seine düsteren Seiten hinwegzutäuschen versucht, wird die Geschichte mehr und mehr gruselig und schliesslich auch gewalttätig.

Dabei meint Kurt es gar nicht böse: «Das Laken, das ich für meinen Knebel benutzte, war aus Seide, Spitzenqualität, und ich kaufte es speziell zu diesem Zweck. Ich hoffte, Catherine vermitteln zu können, wie sehr ich wollte, dass sie sich gut behandelt fühlte, während sie den Knebel im Mund hatte.»

«Graveyard Love» ist ein relativ kurzer, düsterer Roman über Voyeurismus, psychische Störungen, Besessenheit und Gewalt, in dem Scott Adlerberg raffiniert mit Elementen von Noir-Krimi, Horrorstory und Psychothriller spielt.

Die Wertung

Der Autor
Scott Adlerberg, geboren 1962, wuchs im New Yorker Stadtteil Bronx auf. 1988 publizierte er seine erste Short-Story-Sammlung «The Hunting Heart». Er lebte einige Zeit in der Karibik, wovon sein erster Kriminalroman «Spider and Flies» (2012) zeugt, der auf Martinique spielt. Nach «Jungle Horse» (2014) ist «Graveyard Love» (2016) sein dritter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. 2018 erschien in den USA sein historischer Thriller «Jack Waters». Adlerberg lebt heute mit seiner Familie als Schriftsteller sowie Literatur- und Filmkritiker in Brooklyn. Im Bryant Park in Manhattan, wo es im Sommer ein Freiluftkino gibt, moderiert er die Filmdiskussionsreihe «Word for Word Reel Talks».

Scott Adlerberg: «Graveyard Love» (Original: «Graveyard Love», Broken River Books, El Paso TX 2016). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. ars vivendi, Cadolzburg 2019. 222 S., ca. 27 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 30.10.2019, 11:23 Uhr

Artikel zum Thema

Brutale Morde im Freiluft-Irrenhaus

Krimi der Woche: Altmeister James Lee Burke zeichnet in seinem Roman beiläufig ein eindrückliches Bild des heutigen Amerika. Mehr...

Respekt verschafft sich der Skrupelloseste

Krimi der Woche: In «Die Alte» von Hannelore Cayre hat eine ältere Pariserin genug vom System und wird Drogenhändlerin. Mehr...

Profikiller sind auch nur Menschen

Krimi der Woche: «Das Killer-Kollektiv» in Barry Eislers neuem Thriller hat Kinderschänder im Visier. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Was hat die Polizei im Wald zu verbergen?

Krimi der Woche: In «Ein Haus voller Lügen» spürt Romanheld John Rebus einem alten Fall nach. Im Visier: Ordnungshüter. Mehr...

Die verstümmelte Leiche war erst der Anfang

Krimi der Woche: In «Tod im Februar» des Schotten Alan Parks geht es um Missbrauch und Rache. Mehr...

Voyeur mit gruseligen Obsessionen

Krimi der Woche: In «Graveyard Love» lebt ein Voyeur seine Obsessionen aus – gruselig, gewalttätig, düster. Mehr...