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Umsturz in MaliZuerst Putsch, dann Poolparty

Militärs stürzen den Präsidenten Ibrahim Keïta, Jugendliche feiern dies im Anwesen von dessen Sohn.
Die Aussichten in dem westafrikanischen Land sind jedoch ungewiss – Staatszerfall und Terror plagen es schon lange.

Bewohner Malis jubeln in der Hauptstadt Bamako Soldaten zu – ein aus Militärs bestehendes «Nationales Komitee für die Errettung des Volkes» hat die Macht übernommen.
Bewohner Malis jubeln in der Hauptstadt Bamako Soldaten zu – ein aus Militärs bestehendes «Nationales Komitee für die Errettung des Volkes» hat die Macht übernommen.
Foto: John Kalapo (Getty Images)

Die Bilder wirken wie eine Instagram-Story von Jugendlichen bei einer Poolparty: Ausgelassen planschen einige junge Menschen im Wasser, andere springen vom Beckenrand, ein paar filmen, was sich da hinter hohen Mauern abspielt. Das auf sozialen Medien oft geteilte, nicht verifizierte Video soll das Anwesen von Karim Keïta zeigen, in das junge Malier nach Berichten über einen Staatsstreich in der Hauptstadt Bamako eingebrochen sind.

Der Pool gehört demnach dem Sohn des am Dienstag gewaltsam gestürzten malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta. Der Präsidentensohn, der den Verteidigungsausschuss des Parlaments geleitet hatte, war kürzlich zurückgetreten, nachdem er sich inmitten der Pandemie mit leicht bekleideten Frauen in Spanien vergnügt hatte.

Die Präsidentschaft Keïtas, für Tausende Malier Symbol für schlechte Regierungsführung, ist Geschichte. Am Dienstagabend war der 75-Jährige durch einen meuternden Teil der Armee gestürzt worden. Im Laufe des Nachmittags hatten Gerüchte die Runde gemacht, in Bamako sei ein Staatsstreich in Gange. Am Abend wurde bestätigt, dass Soldaten nach einer Revolte in ihrer Kaserne Präsident Keïta und Ministerpräsident Boubou Cissé sowie hochrangige Regierungsmitglieder in Gewahrsam genommen hatten.

Stunden später gab Keïta seinen Rücktritt bekannt. «Wenn heute bestimmte Elemente der Armee wollen, dass dies hier mit ihrer Intervention endet, habe ich da wirklich eine Wahl?», fragte er in einer im Fernsehen übertragenen Erklärung. «Ich verspüre keinen Hass gegen irgendjemanden, meine Liebe zu meinem Land erlaubt es mir nicht», sagte er – wegen Corona mit einer Maske versehen – in seiner Rücktrittserklärung. Keïta erklärte auch das Parlament für aufgelöst.

Die Aufständischen nennen sich «Nationales Komitee für die Errettung des Volkes». Ihr Sprecher Ismaël Wagué, der bisherige Vizechef des Generalstabs der Luftwaffe, sagte, die Aufständischen wollten einen «zivilpolitischen Übergang» einleiten und innerhalb eines «angemessenen Zeitrahmens» Wahlen organisieren. Die Gruppe habe handeln müssen, damit das Land nicht weiter ins Chaos stürze. «Wir, die patriotischen Kräfte», sagte er, «haben beschlossen, unsere Verantwortung vor dem Volk und vor der Geschichte zu übernehmen.» Die Putschisten erklärten die Grenzen des Landes für geschlossen und verhängten eine nächtliche Ausgangssperre.

Kritik von der UNO

Das Panafrikanische Parlament, ein Organ der Afrikanischen Union, verurteilte den Putsch und erklärte, es lehne jeden Versuch eines verfassungswidrigen Regierungswechsels in Mali ab. Die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (Ecowas) beschloss am Mittwoch, alle Land- und Luftgrenzen nach Mali zu schliessen. UNO-Generalsekretär António Guterres hatte nach der Festnahme Keïtas dessen bedingungslose Freilassung gefordert. Regierungsvertreter vieler Staaten schlossen sich der Kritik an.

Keïta kam 2013 ins Amt. Immer wieder warfen ihm die Malier vor, er habe es nicht geschafft, die Bevölkerung vor Terroranschlägen vor allem im Norden und im Zentrum des Landes zu schützen und die Terroristen erfolgreich zu bekämpfen. In den vergangenen Monaten waren Zehntausende in Bamako auf die Strasse gegangen, um gegen die Regierung zu protestieren und um Keïtas Rücktritt zu fordern. Die Proteste waren weitgehend friedlich verlaufen, bis Anfang Juli Sicherheitskräfte in die Menge feuerten, dabei mehrere Menschen töteten und mehr als 80 verletzten.

Im Zentrum der Sahelkrise

Die Demonstranten besetzten daraufhin das staatliche Fernsehgebäude. Echte Zugeständnisse blieb die Regierung schuldig; vor allem die Forderung nach einem Rücktritt Keïtas blieb ungehört. In einigen europäischen Hauptstädten dürften die Proteste für Nervosität gesorgt haben. Mali, eines der ärmsten Länder der Welt, ist nicht nur Zentrum des Konflikts in der gesamten Sahelregion, die sich von Senegal bis zum Tschad erstreckt. Von Mali aus führen Frankreich und seine Verbündeten einen militärischen Kampf gegen die weiter erstarkenden terroristischen Gruppierungen der Region. Frankreichs Aussenminister Jean-Yves Le Drian verurteilte den Umsturz denn auch «auf das Schärfste».

Die schlechte Sicherheitslage in dem westafrikanischen Binnenstaat geht auf das Jahr 2011 zurück: Als das Regime in Libyen kollabierte, blieb Mali nicht unberührt. Ein Jahr später eroberte eine Koalition aus Rebellen, radikalen Islamisten und Tuareg-Separatisten das Territorium im Norden und erklärte die Unabhängigkeit eines Staates namens Azawad. Daraufhin griff Frankreich mit Kampfjets ein, um die Rebellenoffensive in der ehemaligen Kolonie zu stoppen.

Seither kämpft Mali um Stabilität. Das Friedensabkommen zwischen der malischen Regierung und den Tuareg-Rebellen von 2015 gilt als gescheitert. Die militanten Islamisten wussten die Schwäche des Staates zu nutzen und breiteten sich im dicht besiedelten Landesinneren aus. Heute gilt Mali trotz Tausender stationierter ausländischer Soldaten als Rückzugsort für Islamisten aus der gesamten Sahelregion und Westafrika.